Der Wildhüter

Nach der Schule rennt Cyrill oft ins Naturhistorische. Dort tifft er seine Freunde. Fräulein Wohlgemuth reinigt die Voliere der ausgestopften Eisvögel, und Cyrill turnt der Absperrstange entlang. Sie haben sich erwartet. Immer mittwochs, am Nachmittag. Das Innere des grossen Hauses riecht stark gebohnert und ein wenig abgestanden, muffig.
Die Konservatorin trinkt zur Pause den Grüntee abgekühlt, und Cyrill nascht am Tisch vom süsslichen Zwieback. Einmal schenkt er dem gescheiten Fräulein liebevoll eine Kohlezeichnung – der Giraffen-Kopf im Obergeschoss stand schön schweigend zum Porträt. Cyrills jugendliche Skizzen-Künste wirkten leicht abstrakt. Fräulein Wohlgemuth lobt ihn dennoch. Zu Hause, im Waisenhaus, zieht er den abgegriffenen Schulatlas aus dem Regal. Und träumt – wenn ich mal gross bin, werde ich Tier-Forscher und Wildhüter. In Afrika kann ich die Eisvögel zwitschern hören.
In Simbabwe vernimmt Cyrill: Fräulein Wohlgemuth ist kürzlich verstorben.
Von der kühlen Kindheit, mittwochs, bleibt der gebohnerte Duft.

© Philipp Senn.