St. Alban

Geweiht ist das Stift der frühen Klosterkirche Gottesmutter Maria sowie einem der beiden Märtyrerheiligen Alban von Mainz und Alban von England. Die christlichen Albans’ widersetzten sich der fremden Obrigkeit und bezahlen mit ihrem Leben.
Dies ist weit kein Vergleich zur gedachten Opposition bei der heiligen Taufe einer Prinzessin von adligem Blute – mein Verweilen auf der Kirchbank bei der Kommunion in der katholischen Kirche St. Rochus in Wien. Denn für die Gabe von Wein und Brot brauchen Fremde das Einwilligen des Bischofs.
Monsignore hätte mir leicht vergeben – ein aufgeklärter Geist wie sich später beim festlichen Male zeigt.
Mein protestantischer Weg – geprägt vom Wirken des reformierten Pfarrers und Theologieprofessors Fritz Buri – ist liberal erfüllt. Ordinarius Buri wirkte in der St. Alban- und Münster-Kirche.
Orte der Meditation, heute noch. Auch zu Besuch in der St. Rochus.

Rose [rəʊz]

Manchmal sind Bilder alles andere, nur keine Bilder. Manchmal sind sie Musik. Ich denke an Rose, die Konzertpianistin, die frühe Nachbarin im Stadthaus. Jugendjahre der Musik.
Rose war beeindruckt von Frédéric Chopin, dem genialen Romantiker. Sie schätzte ihn als hervorragenden Komponisten, war angetan von seinen Neuerungen im Nutzen der Pedale und dem Fingersatz. Dem Spiel zwischen schwarzweisser Tastatur.
Rose. Das Bild der Klavierspielerin. Wieder rätselhaft versunken – abwesend anwesend. Vielleicht nur konzentriert auf die Melodie der Imagination?
Die Erinnerung – der Klang längst vergangener und schon vergessen geglaubter Zeiten. Rose und Chopin – Musik aus reiner Emotion geboren. Das Bild lässt mich nicht los.

Das Zehntagebuch

An diesem nebligen Morgen blättere ich mit Blick in den Olivengarten in Boccaccios Das Decameron. Die Stimmen des Pfarrers aus Varlongo im Diskurs mit Belcolore über den Wert seines Mantels aus niederländischem Tuche werden durch den WhatsApp Anruf von Schwester Ingeborg unterbrochen. Sie fährt für drei Tage in ihre Freiheit.
Die Frage wie es mir im Welteninnenraum der neuen geopolitischen Rivalitäten gehe, wage ich kaum zu beantworten.
«Vielleicht ein Befinden zwischen Stagnation und Leere? Oder bin ich nur der Inspizient in diesem Theaterstück der Anweisung gibt: “…die Sonne scheint, der Nebel schwindet…”?»
Womit ich nicht gerechnet habe ist ihr herzhaftes Lachen. «Das Zehn-Tage-Werk Decameron? Die Novellen über Liebe, Macht, Verrat, Lust, Verlust? Gratuliere; Weltliteratur! Das seitenstarke Buch zur richtigen Zeit im geschützten Habitat.»
Schwester Ingeborg [Hüterin, Beschützerin] ist Nickname. Wer wird schon in dieser verordneten neuen Welt seine vertraute Liebe verraten.

Alles schön geregelt

Der schwach sichtbare Zaunpfahl lässt vermuten – ich laufe nicht im freien Land, dort, wo der Waldweg vom fallenden Laub bedeckt. Vielleicht grasen Schafe hinter dem Waldvorhang? Und vom Bach schöpft weit in der Ferne aussichtsreich ein einsam stehender Aussiedlerhof?
Ich treffe Chanel – sie springt mir entgegen, leinenlos. Typ Border Colli, ein Hüte- und Treibhund aus dem Bildbruch.
Der Robidog am Ende des gepflegten Weges steht für die Hundeherde. Alles schön sauber hier. Selbst die dörren Blätter sammeln sich konform im Scheibenwischerkanal. Hier geschieht nichts, was verboten ist.
Die adrette Leinenträgerin amüsiert sich über Ihre Tochter – „…sie sammelt die farbigen Dispenser-Tütchen. Die aus Japan fehlen ihr noch.“
Ausserhalb vom gleichgesinnten Waldstück atmen städtisch Menschen, die sonntags keinen Kater kennen.

Augenblicke

Durch das Lächeln der Liebenswürdigkeit blitzt die Kälte für einen Augenblick wie ein Reflex. Erste Porträts seit Monaten.
Es gibt einen Augenblick, wenn alles Alte neu entsteht – die Wärme sichtbar bleibt und im Nirgendwo überlebt. Alles, was ich festhalte, scheint sich aufzulösen.
Vielleicht ist’s der Luxus der Synästhesie. Diese Spielart der Evolution, die dem Bewusstsein ein Verknüpfen der Sinne erlaubt. Das Einschalten des Empfindens generiert mehr Information – das Verbinden der Sicht: Der Geruch des kalten Blicks – der Duft des liebevollen warmen Herzens. Die Magie des Bildes.
Ich denke an Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Die verschmelzenden Themenkreise Wirklichkeit, Identität, das Leben in der grossen Stadt. Malte, der genaue Beobachter. Die fingierte Figur. Malte, im Reifeprozess in der Metropole.
Ich lerne immer noch zu sehen. Die Sinneswahrnehmung ist zentrales Motiv der Aufzeichnung. Die Kamera hat einmal versagt, im Café Corbaci. Wien. Freezing – bei einem gestohlenen Porträt. Das Reset brachte sie zur Vernunft. Die Liebe bleibt.
Nun neue Augenblicke down town, sie dauern oft ewig. Ich wende mich ab, sehe wieder hin, aber da sind sie nicht mehr.

Wo bist Du?

Der Regionalzug rattert in den nahen Sommer. Eine zerquetschte Motte klebt noch im Lesestoff. Dünnseitig, gerade passend für eine Vier-Stundenfahrt. Zeilen voller Sehnsucht – über die Frau, die berühren möchte, um nicht vermisst zu sein. Über den Mann, der den Tumor besiegen will, rasend vor Wut, Verpasstes versäumt zu haben. Den Körper wieder fordert bis zum Runners-High. Nochmals Starten zum neuen Leben. Sich endlich spüren. Ehrlich Sein. Nochmals versuchen. Die Frau, der Mann – werden sie’s schaffen, die Reise zum Glück?
Das schmale Buch voller Schicksale besser zur Seite legen. Eigene Gedanken finden, inspirieren lassen – auf den Schienen zum weiten Ziel. Schnelle Bilder, verschwommene Farben. Aquarelle zur Meditation. Leben im Jetzt.
Der Duft von Molecule 01 liegt in der Luft – verdrängt den rostenden Eisengeruch. Sie huscht vorbei, die junge Frau mit Dutt, im prallen Dirndl. Oder ist es der alternde Geck, der das Zugabteil kurz zum Genuss beduftet?
Wieder dem Fenster zuwenden. Bilder erjagen. Bis nach Bavaria. Glückliche Tage. Morgen wieder Zurückfahren, dem Bodensee entlang. Gedankenverloren Bilder finden. An mich denken. Und an Dich. Wo bist Du?