Das Fenster zum Hof

Im sommerlichen Morgen enthüllt sich der Innenhof wie ein Geheimnis. Durch mein Fenster fliesst sanftes Licht, und die leeren Weingläser vom Vorabend auf der Terrasse vermitteln Ruhe. Doch eine subtile Spannung liegt in der Luft, wie der Nachklang des nächtlichen Gesprächs.
In diesem Moment erinnere ich mich an Hitchcocks Das Fenster zum Hof. Es ist mehr als nur ein Film über Male Gaze, den männlichen Blick; es enthüllt die Stärke der Frauen in einer von Männern dominierten Welt.
Hitchs Rear Window (so der Originaltitel) ist eine Reflexion über Macht, Kontrolle und die Suche nach Wahrheit – ein Einblick durch Fenster und Türen in das Leben zwischen Realität und Illusion.
An einem der Weingläser lebt noch ein Hauch von Parfüm. Ohne Einbildung – es muss wohl der Frauenduft Trésor von Lançome sein. Male Gaze?

Trompe-l’œil?

Das Schaufenster, das mit Kanye Wests HipHop-Opus “KIDS SEE GHOSTS” und einer Figur von Jean-Michel Basquiat eine Art Galerie simuliert, hält die Neugierde der Passanten wach. Das Fahrverbotsschild mit seiner Sprechblase wirkt wie ein vergessenes Relikt vergangener Zeiten, während das Tor zur Durchfahrt und der Hauseingang verschlossen bleiben. Sind sie Teil einer kunstvollen Pappmaché-Kulisse?
Eine Ahnung schleicht sich ein – diese Szenerie ist minuziös inszeniert. Alles wirkt wie ein stillstehender Film, die Schauspieler ahmen den Einzug in das verschlossene Biedermeier-Haus nach, das schon lange dem Abriss geweiht.
Das behutsame Anfassen der Charles-Eames-Stühle, das Tragen mit nur zwei oder drei Fingern, deutet auf Kontamination, sprich den ansteckenden Wandel von Sehnsucht zu Sehnsucht hin. Noch ist in diesem konstruierten Setting unklar, wer zu wem gehört. Heute Abend werde ich ein Backup zu diesem Trompe-l’œil durchführen. Nicht nur Kinder sehen manchmal Geister.

Ausgestorben?

Die Knochenfossilien enthüllen – der Crossopterygiformes (schwieriges Wort, ich weiss) durchstreifte vor mehr als 360 Millionen Jahren die Meere. Ein Zeitalter, das ihn um 290 Millionen Jahre vor dem Tyrannosaurus Rex platziert.
Paradoxerweise galt der Quastenflosser wie die Dinosaurier als ausgestorben – bis 1938: Damals wurde vor der südafrikanischen Küste ein 1,50 Meter langer, über 50 Kilogramm schwerer Fisch gefangen.
Der Druckverlust beim Auftauchen führte dazu, dass das neu entdeckte Quastenwesen bereits leblos an die Oberfläche kam, was jedoch den vermeintlichen Aussterbe-Mythos in Frage stellt und ein weiteres Kapitel in dieser faszinierenden Geschichte öffnet.
Aus dem Devon auferstanden – im Heute angeschwemmt.

Beim Kobold

Im Raureif der Metamorphosen schreibt das Leben seine Geschichten ins Pergament der Vergänglichkeit. Der junge Papierbeutel wird zum stillen Chronisten einer Welt, in der das Wunderbare im Unscheinbaren lebt.
Der von Laub vermoderte Kobold hütet einäugig das Geheimnis der Überlieferungen, die in den verborgenen Ecken im Garten der Zeit verweilen. In der Symbiose von Vergänglichkeit und Neubeginn entfaltet sich ein magischer Realismus, der die Wirklichkeit verschwimmen lässt.

El viaje definitivo

…Und ich werde gehen. Die Vögel werden weitersingen; mein Garten verbleibt, mit seinem grünen Baum und seinem weissen Brunnen.
Jeden Nachmittag ein blauer, gelassener Himmel; jeden Nachmittag, wie heute, das Läuten der Glocken im Glockenturm.
Die mich liebten werden sterben; das Dorf wird sich in jedem Jahr erneuern; und in jener Ecke meines blühenden und geweisselten Gartens irrt nostalgisch mein Geist…
Und ich werde gehen; allein werde ich sein, ohne Heim, ohne grünen Baum, ohne weissen Brunnen, ohne blauen, gelassenen Himmel…
Die Vögel werden weitersingen.
[Juan Ramón Jiménez]

In der Bubble

“Ich frage mich, ob ich morgen noch zu dir kommen soll? Die Reiserei ist nicht lustig. Gestern ist der Flughafen erneut gesperrt – vom Umleiten des Fluges nach Genf sprichst du nicht und vom Anstehen an der Bahnhof-Billettschlange, dem vermissten Koffer, der nicht nach Hause findet?”, murmelt sie, ihre Gedanken in den Wind hauchend.
Ihr agiler Mann lebt Momente in seiner Cloud in frivoler Isolation und versucht sich vor den Herausforderungen und Unannehmlichkeiten der Welt abzuschirmen.
Sie schenkt mir ein Lächeln und verklappt die Mobilehülle.
Der geheime Garten, den Frauen in sich tragen, ist Männern oft unbekannt.
Mit wem sie wohl gesprochen hat?

Tarantula Cyriopagopus

Gewiss, sie sind gefragt, eine wahre Delikatesse. In den Wet Markets von Kambodscha trifft man zahlreiche Gourmets, die sich an frittierten Köstlichkeiten ergötzen. Die steigende Beliebtheit dieser kulinarischen Freuden fordert jedoch einen hohen Tribut – der groteske Artenschwund bedroht die Tarantulae in ihrer Existenz.
Inmitten dieses Szenarios setzt eine junge Wissenschaftlerin aus Wien* ihre Entschlossenheit ein, die bedrohte Spezies zu erforschen. Mithilfe von Feldforschung, DNA-Barcoding und Nanotechnologie gewinnt sie wertvolle Informationen über diese einzigartigen Kreaturen. Ihre Bemühungen tragen dazu bei, das Überleben der faszinierenden Vogelspinnenart Cyriopagopus zu sichern.
Möglicherweise wird die Zukunft die Delikatessen-Esser dazu bewegen, ihre Mägen in Vegan-Grill-Shops zu füllen, wo sie gleichzeitig die Umwelt und die Tierwelt schützen können.
[*Universität Wien, Department of Evolutionary Biology]

Inemuri [居眠り]

Er wird sich der Realität bewusst und ein zarter Hauch von Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Der junge Japaner Haruto hebt den Kopf, seine Augen noch verschwommen von seinem seichten Inemuri. Haruto hat den Moment seiner Ruhe inmitten des Alltags genossen, ohne die Zeit aus den Augen zu verlieren. Als er sich aufrichtet und in die Welt zurückkehrt, bemerkt er die leichte Rührung in den Augen seiner trippelnden Kimiko, die still und respektvoll sein kurzes Schlummern zur Kenntnis nimmt.
Es ist ein flüchtiger Augenblick des Entspannens, des Auftankens bevor er in den Strudel der Eiligkeit eintaucht. Inemuri ist mehr als nur ein Zauberwort.

View Master

Die Magie des Wahrnehmens. Eine apart schlanke Schöne fingert in der Jeanstasche nach einem Quarter und befolgt „TURN TO CLEAN VISION“ am roten Knopf des Touristen-Fernglases, vis à vis der Freiheitsstatue auf Ellis Island. Der Dunst vernebelt.
Der View-Master in dunklem Bakelit vom Kiosk nebenan versöhnt mit 3-D, Nähe und bunter Klarheit. Erraten, das ist Jahrzehnte her.
Diese Tage, beim Ophthalmologen in der designed hellen Augenklinik. Meine Farb-Fehlsicht schärft die Grautöne. Richtig – der View-Master war nie wirklich schwarz.

Rose [rəʊz]

Manchmal sind Bilder alles andere, nur keine Bilder. Manchmal sind sie Musik. Ich denke an Rose, die Konzertpianistin, die frühe Nachbarin im Stadthaus. Jugendjahre der Musik.
Rose war beeindruckt von Frédéric Chopin, dem genialen Romantiker. Sie schätzte ihn als hervorragenden Komponisten, war angetan von seinen Neuerungen im Nutzen der Pedale und dem Fingersatz. Dem Spiel zwischen schwarzweisser Tastatur.
Rose. Das Bild der Klavierspielerin. Wieder rätselhaft versunken – abwesend anwesend. Vielleicht nur konzentriert auf die Melodie der Imagination?
Die Erinnerung – der Klang längst vergangener und schon vergessen geglaubter Zeiten. Rose und Chopin – Musik aus reiner Emotion geboren. Das Bild lässt mich nicht los.

Alles schön geregelt

Der schwach sichtbare Zaunpfahl lässt vermuten – ich laufe nicht im freien Land, dort, wo der Waldweg vom fallenden Laub bedeckt. Vielleicht grasen Schafe hinter dem Waldvorhang? Und vom Bach schöpft weit in der Ferne aussichtsreich ein einsam stehender Aussiedlerhof?
Ich treffe Chanel – sie springt mir entgegen, leinenlos. Typ Border Colli, ein Hüte- und Treibhund aus dem Bildbruch.
Der Robidog am Ende des gepflegten Weges steht für die Hundeherde. Alles schön sauber hier. Selbst die dörren Blätter sammeln sich konform im Scheibenwischerkanal. Hier geschieht nichts, was verboten ist.
Die adrette Leinenträgerin amüsiert sich über Ihre Tochter – „…sie sammelt die farbigen Dispenser-Tütchen. Die aus Japan fehlen ihr noch.“
Ausserhalb vom gleichgesinnten Waldstück atmen städtisch Menschen, die sonntags keinen Kater kennen.

Augenblicke

Durch das Lächeln der Liebenswürdigkeit blitzt die Kälte für einen Augenblick wie ein Reflex. Erste Porträts seit Monaten.
Es gibt einen Augenblick, wenn alles Alte neu entsteht – die Wärme sichtbar bleibt und im Nirgendwo überlebt. Alles, was ich festhalte, scheint sich aufzulösen.
Vielleicht ist’s der Luxus der Synästhesie. Diese Spielart der Evolution, die dem Bewusstsein ein Verknüpfen der Sinne erlaubt. Das Einschalten des Empfindens generiert mehr Information – das Verbinden der Sicht: Der Geruch des kalten Blicks – der Duft des liebevollen warmen Herzens. Die Magie des Bildes.
Ich denke an Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Die verschmelzenden Themenkreise Wirklichkeit, Identität, das Leben in der grossen Stadt. Malte, der genaue Beobachter. Die fingierte Figur. Malte, im Reifeprozess in der Metropole.
Ich lerne immer noch zu sehen. Die Sinneswahrnehmung ist zentrales Motiv der Aufzeichnung. Die Kamera hat einmal versagt, im Café Corbaci. Wien. Freezing – bei einem gestohlenen Porträt. Das Reset brachte sie zur Vernunft. Die Liebe bleibt.
Nun neue Augenblicke down town, sie dauern oft ewig. Ich wende mich ab, sehe wieder hin, aber da sind sie nicht mehr.

Wo bist Du?

Der Regionalzug rattert in den nahen Sommer. Eine zerquetschte Motte klebt noch im Lesestoff. Dünnseitig, gerade passend für eine Vier-Stundenfahrt. Zeilen voller Sehnsucht – über die Frau, die berühren möchte, um nicht vermisst zu sein. Über den Mann, der den Tumor besiegen will, rasend vor Wut, Verpasstes versäumt zu haben. Den Körper wieder fordert bis zum Runners-High. Nochmals Starten zum neuen Leben. Sich endlich spüren. Ehrlich Sein. Nochmals versuchen. Die Frau, der Mann – werden sie’s schaffen, die Reise zum Glück?
Das schmale Buch voller Schicksale besser zur Seite legen. Eigene Gedanken finden, inspirieren lassen – auf den Schienen zum weiten Ziel. Schnelle Bilder, verschwommene Farben. Aquarelle zur Meditation. Leben im Jetzt.
Der Duft von Molecule 01 liegt in der Luft – verdrängt den rostenden Eisengeruch. Sie huscht vorbei, die junge Frau mit Dutt, im prallen Dirndl. Oder ist es der alternde Geck, der das Zugabteil kurz zum Genuss beduftet?
Wieder dem Fenster zuwenden. Bilder erjagen. Bis nach Bavaria. Glückliche Tage. Morgen wieder Zurückfahren, dem Bodensee entlang. Gedankenverloren Bilder finden. An mich denken. Und an Dich. Wo bist Du?