Die Stunde, die blieb

Er fand den Raum zufällig. Kein Schild, kein Hinweis, nur eine Tür, die offen stand.
Drinnen – Stille, aus der man fast Musik hätte machen können. Die Wände glatt, aus einem Material, weder Glas noch Metall. Licht floss von irgendwoher, gleichmässig, sanft, wie eine Erinnerung.
Wenige Bücher geschichtet in einer Tischbox — I Ging Das Buch vom Leben, ein leeres Notizbuch, ein Band mit Gedichten von Celan
Er setzte sich. Nicht, um zu lesen, sondern weil der Ort es verlangte.
Etwas an diesem Raum kannte seine Gedanken besser als er selbst. Hier, dachte er, könnte man vergessen, dass draussen Zeit vergeht. Er blieb eine Stunde. Vielleicht länger. Vielleicht kürzer.
Als er ging, war nichts anders — ausser ihm.

Utopia

Mitten im Markgrafenland erhebt sich ein architektonisches Wunder, das die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen lässt.
Dieses utopische Gebäude, mit seiner glänzenden Fassade und den futuristischen Formen, zieht die Blicke auf sich und weckt Erinnerungen an den dystopischen Klassiker Soylent Green.
Die Kontraste könnten nicht grösser sein. Hier, die strahlende Ästhetik des Bauwerks – dort, im utopischen Jenseits die düstere Vision einer überbevölkerten, ressourcenarmen Welt.
Die Frage bleibt – ist die weisse Fassade nur künstliche Illusion?

Die Fenster zur anderen Seite

Du sagst mir, ich müsse nicht nur das Eine sehen. Da ich heute zurückblättere, erkenne ich wie geblendet ich bin. Dem Schöngeist droht der blinde Fleck.
Du legst die Kamera zur Seite und erzählst von den hoffnungslosen Siedlungen Deiner wenigen Lieben.
Die Fenster auf der Rückseite sind die der geheimen Heime. In einigen weht noch der Duft der Ex-Geliebten. Alles Kompromisse, Verlegenheitslösungen. Vielleicht ist der zukünftig einzig Andere der Richtige – vielleicht erneut zur falschen Zeit?
Die Fassade vorne, zur baumlosen Allee ist makellos glamourös. Doch nur Fassade.
Am Checkpoint zum neuen Leben wendest Du Dich mit einem Lächeln von mir ab: „Hoffentlich gefallen Dir die anderen fünfzig Prozent meiner Heimat.“
Ich vergesse nicht, nur das Eine zu sehen.

Bau Kunst

“Findest Du das denn schön? So was würde ich nie photographieren. Schwerfällig, dieser Dockland-Bau; gefällt nicht. Am Glockengiesserwall, weiter oben, der schlichte Kubus von Mathias Ungers bei der Hamburger Kunsthalle, das schaue Dir an…“ Hey, Du, Architekturstudentin – was ist denn gute Architektur, vorbildliches Bauen? Sind es von hochdotierten Jurys prämierte ikonenhafte Bauten, deren Architekten zumindest Pritzker-Preisträger sind? Was bringen die dogmatisch belehrenden Diskurse über Ästhetik – über gut oder schlecht? Besserwisser Weisheiten, sie perlen runter wie Regentropfen auf meiner virtuellen Pelerine.
Bei sehenswerter Architektur geniesse ich das Geheimnis der Klarheit. Kein Hinterfragen ist notwendig. Die Intuition weist den Weg. Keine extra Reise mit dickem Architekturführer in der Hand – vielmehr das Finden, das Durchwandern dieser Welt lässt mich mit der Kamera spielen. Zufälle, aus der Schultertasche gezogen.
Ja, Du Sahra, liebe Hamburger Kunst-Freundin, geboren aus blendendem Licht. Du, mit Deiner stilvoll schicken Corbusier Hornbrille, sei nicht zerknirscht. Schau Dir an. Andere Shootings über Aufgebautes. Auch erbauend – sehenswert.