St. Alban

Geweiht ist das Stift der frühen Klosterkirche Gottesmutter Maria sowie einem der beiden Märtyrerheiligen Alban von Mainz und Alban von England. Die christlichen Albans’ widersetzten sich der fremden Obrigkeit und bezahlen mit ihrem Leben.
Dies ist weit kein Vergleich zur gedachten Opposition bei der heiligen Taufe einer Prinzessin von adligem Blute – mein Verweilen auf der Kirchbank bei der Kommunion in der katholischen Kirche St. Rochus in Wien. Denn für die Gabe von Wein und Brot brauchen Fremde das Einwilligen des Bischofs. Monsignore hätte mir leicht vergeben – ein aufgeklärter Geist wie sich später beim festlichen Male zeigt.
Mein protestantischer Weg – geprägt vom Wirken des reformierten Pfarrers und Theologieprofessors Fritz Buri – ist liberal erfüllt. Ordinarius Buri wirkte in der St. Alban- und Münster-Kirche.
Orte der Meditation, heute noch. Auch zu Besuch in der St. Rochus.

Rose [rəʊz]

Manchmal sind Bilder alles andere, nur keine Bilder. Manchmal sind sie Musik. Ich denke an Rose, die Konzertpianistin, die frühe Nachbarin im Stadthaus. Jugendjahre der Musik.
Rose war beeindruckt von Frédéric Chopin, dem genialen Romantiker. Sie schätzte ihn als hervorragenden Komponisten, war angetan von seinen Neuerungen im Nutzen der Pedale und dem Fingersatz. Dem Spiel zwischen schwarzweisser Tastatur.
Rose. Das Bild der Klavierspielerin. Wieder rätselhaft versunken – abwesend anwesend. Vielleicht nur konzentriert auf die Melodie der Imagination?
Die Erinnerung – der Klang längst vergangener und schon vergessen geglaubter Zeiten. Rose und Chopin – Musik aus reiner Emotion geboren. Das Bild lässt mich nicht los.

Filmstill

Ausserhalb der smart gestylten Studioszene. In der Pause im harten Licht. Mich fasziniert der Ausdruck von Stolz, die wilden Haare von Michelle. Ein charaktervoller Augenblick, der im flirrenden Sonnenlicht im Sekundenbruchteil aufblinkt. Ein Flashback zu Filmstills von Tennessiee Williams The Rose Tattoo. Im gleichnamigen Film brilliert Anna Magnani als Serafina. Sie gewinnt als erste italienische Schauspielerin den Oscar als beste Hauptdarstellerin.
Tennessee Williams meinte über Magnani: „Sie stand so sehr ausserhalb jeder Konvention wie niemand sonst, den ich in meinem Leben gekannt habe… In dieser Unbürgerlichkeit wurzelte wohl auch ihre stolze Selbstsicherheit.“
Genau diese Momente sind Siegel des Filmstills. Kraftvoll. Magnani ist Michelle. Michelle ist Magnani.

Das Grauen

Er überlebt den Flugzeugabsturz über der Krim. Kriegstraumatisiert. Tataren retten ihn, bedecken seinen Körper mit Fett und wickeln ihn in grauen Filz. Diese Legende lebt er zeitlebens – die Geschichte zeigt mythische Symbolik. Die Materialien deuten die Fabel von Tod und Wiedergeburt. Ein Nomadenvolk erweckt ihn zum Leben – erlöst ihn von seiner Kriegsschuld.
Josef Beuys (1921-1986) Soldat, Bildhauer, Performancekünstler ist einer der einflussreichsten Protagonisten der Kunst des 20. Jahrhunderts.
An der Documenta 1982 schmilzt er öffentlich das alte Replikat der goldenen Krone von Zar Ivan des Schrecklichen zum goldenen Hasen um – das Lebenssymbol Joseph Beuys‘. Sein Credo ‚Die Ursache liegt in der Zukunft‘ bekommt erschreckende Aktualität. Das Undenkbare ist passiert. Das Grauen hat uns eingeholt. Der Machtwahn ist grenzenlos.
Die Kleider aus dichtem Filz werden Vertriebene wärmen.
Das Morgen bestimmt unser Leben mehr als die Vergangenheit.

Die Dachsburg

Jeder Weg kennt seine Geschichte. Auf der leicht ansteigenden Hohlgasse unweit des Römerwegs frage ich mich, was das Plüschtier beim Fabeltier verloren hat. Meister Grimbart wohnt seit Jahren hier; mit seiner ganzen Familie. Vor zwei Tagen lag ein jüngerer Dachs unweit seiner Burg überfahren, tot am Wegerand. Der Anblick schmerzte wohl nicht nur mich.
Ich vermute ein lieber Mensch schenkte den Angehörigen ein Andenken, um den Verlust zu lindern.
Es wird wohl ein Kind gewesen sein.
Ich entsinne in einem Interview Yellow Dieter Meiers Lebensspruch: «Werdet wie die Kinder!»

Das Zehntagebuch

An diesem nebligen Morgen blättere ich mit Blick in den Olivengarten in Boccaccios Das Decameron. Die Stimmen des Pfarrers aus Varlongo im Diskurs mit Belcolore über den Wert seines Mantels aus niederländischem Tuche werden durch den WhatsApp Anruf von Schwester Ingeborg unterbrochen. Sie fährt für drei Tage in ihre Freiheit.
Die Frage wie es mir im Welteninnenraum der neuen geopolitischen Rivalitäten gehe, wage ich kaum zu beantworten.
«Vielleicht ein Befinden zwischen Stagnation und Leere? Oder bin ich nur der Inspizient in diesem Theaterstück der Anweisung gibt: “…die Sonne scheint, der Nebel schwindet…”?»
Womit ich nicht gerechnet habe ist ihr herzhaftes Lachen. «Das Zehn-Tage-Werk Decameron? Die Novellen über Liebe, Macht, Verrat, Lust, Verlust? Gratuliere; Weltliteratur! Das seitenstarke Buch zur richtigen Zeit im geschützten Habitat.»
Schwester Ingeborg [Hüterin, Beschützerin] ist Nickname. Wer wird schon in dieser verordneten neuen Welt seine vertraute Liebe verraten.

Kyudo

An einem Tag wie diesem. Die perfekt symmetrische Feder einer weissen Taube liegt vor der Bauernhaustür. Intuition.
Am Nachmittag treffe ich erneut die weisse Feder. Sie ist nun haargenau eingepasst in zwei Pfeilbogen, neben einem Yumi. Der asymmetrische Bogen ist mit über 2 Meter enorm lang.
Japan. Im Ateliergarten. Reini der Bildhauer, Zeichner und Kyudo-Meister. Er steht in ästhetischer Ruhe. Schönheit, Wahrheit, Güte. Bin ich Tetsuya, in Coelhos Der Weg des Bogens begegnet? Die Geschichten des Meisters sind Prolog und Epilog – Gedanken und Erkenntnisse zu den Phasen des japanischen Bogenschiessens Kyudo. In jeder Zeit des Lebens ist der Weg des Bogens enthalten. Auch an einem Tag wie diesem, an dem ich Reini traf.

Voilà, Le Corbusier

1960. Er schaut über seine runde schwarze Bonnet Hornbrille auf die Entwürfe für die Écluse. Ein kleines Bauwerk für den weltgewandten und wohl einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts.
Sein relativ unbekanntes Spätwerk befindet sich unweit der Schweizergrenze – zwei Hochbauten für die Schleusenanlage bei Kembs-Niffer im Elsass.
Le Corbusier zeichnet als Baumeister dieser kleinen Werkanlage und im Frühjahr 1961 wird die Schleuse eingeweiht.
Neben seiner Bautätigkeit ist er ein enorm produktiver Künstler, Autor und Möbeldesigner (ich erliege immer wieder seiner Chaiselongue LC4).
Der verglaste Aussichtsturm (mit zwei versetzten Würfeln) und der Zoll-Gebäudeteil (mit Dach Hyparschale) am Rhein-Rhône Seitenkanal stehen seit 1995 angeschlagen einsam da. Verbraucht.
Die kleine Schleuse wird von einer nahe gelegenen modernen Anlage fernbedient. Das alte Gelände ist von einem zwei Meter hohen Zaunpaket denkmalgeschützt umgarnt.
Vielleicht weist einmal ein Schild auf das Kleinod hin «Voilà, Le Corbusiers!».

Der Uaso Nyiro

Nun liegt er vor mir, der Uaso Nyiro. Das letzte Mal habe ich ihn über Kenia gesehen, beim Flug von Tansania nach Europa. Vom Sitz A14 (der eigentlich in der 13ten Reihe steht) auf die Erde schauen – in der wohlig klimatisierten Swissair Tube.
Emerson Lake and Palmer – die AirPods sind im Transparenzmodus, damit ich die gepressten Stimmen aus dem Cockpit nicht verpasse… («unter uns, das Flussdelta des Uaso Nyiro…»).
Gedankenversunken schwebe ich über dem CD-Cover von Brain Salad Surgery hin zu HR. Giger, zu seinen Airprush Erotomechaniks, den Alians und Biomechanoiden.
Seine phantastisch-surrealen Werke – die visuellen Effekte sind geniale Meilensteine der neuen Kulturwelt.
Nun liegt er wieder vor mir, der Uaso Nyiro – im Weinbergdorf, gefallen vom Sturmtief vor wenigen Tagen.
Die armdicken Efeu-Äste, am Stamm klammernd und festgesaugt, werden im Winter mit dem stattlichen Kirschbaum Wohnstuben wärmen.
Ich bin mir heute nicht sicher, war’s zuerst der monochrone Musik-Rhythmus, das iPod-Coverbild-Bild oder der A 14-Sitz-Ausblick in der 13ten Reihe, der mich glücklich inspirierte?

Der Zahnwurm

Sie klagt im schneebedeckten Atlasgebirge auf der Fahrt nach Essaouira über heftige Zahnschmerzen. Tränen. Der im dunklen Kaftan gekleidete Marabout kann nicht helfen und murmelt unverständlich vom Zahnwurm. Sein stark lückenhaftes Gebiss lässt nicht grosse Zahn-Heilkunde vermuten.
Monate später. Der versierte Parodontologe in der Spezialklinik in Langenthal meint: “…es ist fünf vor zwölf.”
Das berühmt-berüchtigte Paar – das Implantat mit chronischer Entzündung ist nun weg.
Auf der Fahrt nach Hause sehe ich in ihrem Blick grosses Glück. Die verschneiten Alpen blenden im Sonnenlicht.
Ich denke an den Marabout im Atlasgebirge. Ich schwör’s, ich habe kurz den Zahnwurm gesehen.

Pilany

Wie eine Choreographie, geführt von leiser Melodie. Ein offenes, weiteres Photo-Projekt. Unverfälscht, direkt, ehrlich – Raum und Momente finden. Eine Reise in eine andere Welt.
Ich bin zu früh am Set auf dem Reitergut im Markgrafenland. Es riecht nach Pferdehaar und frisch gewachstem Lederstiefel – Stallgeruch. Die Schabracke, Sattellage und Pauschen sitzen. Bereit zur Auszeit, die Freiheit zu leben.
Die vornehme Schimmel-Dame Pilany scheint kurz irritiert – das erste Klickgeräusch der leisen Leica nur. Danielas warme, flüsternde Stimme und ihre sanfte Handbewegung wirken hypnotisch. Die mentale Verbindung spielt in Slow EMotion nun. Photo-Model und Pferd sind in Harmonie. Respekt – Vertrauen und Verstehen; eine wunderbare Freundschaft.
Ich erkenne – das Pferd ist eine stille Insel, heilend weit weg vom hektischen Festland Stadt. Welch ein Luxus, diese Freiheit einzufangen. Zeitlos.

Der Stammbaum

Zurück, zur Genealogie, in die Zeit der Ahnen.
„…Ist Er vergeben?“ Die erste Frage des Gutsbesitzers und Edelmannes irritiert den Herren, den Gast aus dem anderen fernen Land. Nach kurzem Schweigen, erwidert der noch Fremde – “Er ist edler Mensch nur, seine Vorfahren kennt Er nicht. (Stille Pause)
Er ist Waise. Eines flanierenden Ritters Kuckuckskind? Weise vielleicht, doch sicher einer der vielen Bewunderer Eurer Tochter Augenweide. Gerne besuchet Er Haus und Garten, so Er Ihn denn eintreten lässt…“
Im Jetzt angekommen. Der fabelartige Stammbaum, vorne in der Schloss-Parkanlage, ist einige hundert Jahre alt. Der hintere sagenhafte, nur wenig jünger. Auch Er besitzt tiefe Wurzeln. Erkennen, berühren sie sich im Heute, irgendwann?

Die Fenster zur anderen Seite

Du sagst mir, ich müsse nicht nur das Eine sehen. Da ich heute zurückblättere, erkenne ich wie geblendet ich bin. Dem Schöngeist droht der blinde Fleck.
Du legst die Kamera zur Seite und erzählst von den hoffnungslosen Siedlungen Deiner wenigen Lieben.
Die Fenster auf der Rückseite sind die der geheimen Heime. In einigen weht noch der Duft der Ex-Geliebten. Alles Kompromisse, Verlegenheitslösungen. Vielleicht ist der zukünftig einzig Andere der Richtige – vielleicht erneut zur falschen Zeit?
Die Fassade vorne, zur baumlosen Allee ist makellos glamourös. Doch nur Fassade.
Am Checkpoint zum neuen Leben wendest Du Dich mit einem Lächeln von mir ab: „Hoffentlich gefallen Dir die anderen fünfzig Prozent meiner Heimat.“
Ich vergesse nicht, nur das Eine zu sehen.

Alles schön geregelt

Der schwach sichtbare Zaunpfahl lässt vermuten – ich laufe nicht im freien Land, dort, wo der Waldweg vom fallenden Laub bedeckt. Vielleicht grasen Schafe hinter dem Waldvorhang? Und vom Bach schöpft weit in der Ferne aussichtsreich ein einsam stehender Aussiedlerhof?
Ich treffe Chanel – sie springt mir entgegen, leinenlos. Typ Border Colli, ein Hüte- und Treibhund aus dem Bildbruch.
Der Robidog am Ende des gepflegten Weges steht für die Hundeherde. Alles schön sauber hier. Selbst die dörren Blätter sammeln sich konform im Scheibenwischerkanal. Hier geschieht nichts, was verboten ist.
Die adrette Leinenträgerin amüsiert sich über Ihre Tochter – „…sie sammelt die farbigen Dispenser-Tütchen. Die aus Japan fehlen ihr noch.“
Ausserhalb vom gleichgesinnten Waldstück atmen städtisch Menschen, die sonntags keinen Kater kennen.

Augenblicke

Durch das Lächeln der Liebenswürdigkeit blitzt die Kälte für einen Augenblick wie ein Reflex. Erste Porträts seit Monaten.
Es gibt einen Augenblick, wenn alles Alte neu entsteht – die Wärme sichtbar bleibt und im Nirgendwo überlebt. Alles, was ich festhalte, scheint sich aufzulösen.
Vielleicht ist’s der Luxus der Synästhesie. Diese Spielart der Evolution, die dem Bewusstsein ein Verknüpfen der Sinne erlaubt. Das Einschalten des Empfindens generiert mehr Information – das Verbinden der Sicht: Der Geruch des kalten Blicks – der Duft des liebevollen warmen Herzens. Die Magie des Bildes.
Ich denke an Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Die verschmelzenden Themenkreise Wirklichkeit, Identität, das Leben in der grossen Stadt. Malte, der genaue Beobachter. Die fingierte Figur. Malte, im Reifeprozess in der Metropole.
Ich lerne immer noch zu sehen. Die Sinneswahrnehmung ist zentrales Motiv der Aufzeichnung. Die Kamera hat einmal versagt, im Café Corbaci. Wien. Freezing – bei einem gestohlenen Porträt. Das Reset brachte sie zur Vernunft. Die Liebe bleibt.
Nun neue Augenblicke down town, sie dauern oft ewig. Ich wende mich ab, sehe wieder hin, aber da sind sie nicht mehr.

Der Kosmos

Ich gönne mir einen Orzo mit Orangenschale. Lagergeleise vor mir. Das nahe Gespräch auf der Campus-Treppe lässt mich nicht weghören. Das Semesterthema skizziert einen Mann von Welt. Sein Vater ist früh gestorben. Seine Kindheit unglücklich und die Mutter ist ohne Empathie, gefühlskalt. Erstaunlich, nach diesem Kaltstart – Alexander von Humboldt wird Naturforscher, Universalgelehrter. Wohin man rührt, er ist überall zu Hause (meinte Goethe). Kaum eine Wissenschaft, in der von Humboldt nicht bewandert ist. Die Welt – für ihn ein grosses Ganzes, in dem alles mit allem zusammenhängt. “Kosmos”, sein Lebenswerk.
Die Natur ist ein Geisterhaus. Selbst die Wüste belebt sich, sobald man den Spuren der arbeitsamen Menschenhand begegnet.
Wie viele Seiten Wissensdurst wird die Seminarstudie der jungen Treppennachbarn dem weltgereisten Naturforscher, schenken? Alles bleibt so vernetzt.
Ich wandere den frühen Lagerhallen entlang in die nahe Stadt. Kosmos. Eine jahrelange Liebe meldet sich.

Small Rooms

Das Haus gefiel mir. Die Familie gefiel mir. Sie gefiel mir. Alles so aufgeräumt. Wohlerzogen, gebildet, katholisch. Der Vater hat eine Geliebte, er ist weggezogen, aufs Land. Auch er ein Künstler, geordnet genial verspielt. Ein Träumer wie ich. Doch das interessiert niemanden. Schade, wie soll ich mein tägliches Ego füttern. Ich kaufe mir ein Buch „Lerne nein sagen ohne Skrupel“, dann den Bestseller „Sag es keinem weiter – warum wir Geheimnisse brauchen“.
Ich blättere vorwärts, hier im verschwiegenen Raum. Auf der Etagere, ein aussortiertes Comic-Heft mit geglätteten Eselsohren – man wollte mal wissen, wo man war. Eines der wenigen noch existenten Exemplare – aus einer Auktion, bitte, wie ich später hören werde.
Ich greife nach dem abgegriffenen Schundheft. Ich hätte dies nie erwartet hier, im ehrenwerten Haus.

Die Migration

Auf dem Weg zum Meer begne ich Sebastião Salgado. Eine mit Niqab verhüllte Tuareg streift kurz mein Blickfeld am Uferweg. Ich entsinne seiner emphatisch, ästhetischen Schwarz-Weiss-Bilder, Terra, Genesis, Sahel – dunkelgrau verschleierte Menschen in Afghanistan: die Projektarbeiten über Migration, das erzwungene Nomadensein. Die Reise in eine erhoffte, edlere Welt. Die Bilder sind bleiern. Ein Tagtraum?
Ich schlendere den Bermenweg zurück. Die Verhüllte entpuppt – Armarinhos Teixeiras Skulptur-Werk Morfología Oblíqua steht im Kontext zum Ort. Im sicheren Hafengebiet – noch?
Alles fliesst.
Die Passagiere von gestern haben keine Geduld zu warten. Sie steigen nicht zu. Warum sollten sie die Komfortzone verlassen, in einem der reichsten Länder der Welt.

Anonymus

„Hey, Quentin, hetz nicht so.“ Die jungen Stimmen hallen weitunten im Treppenhaus der Hochschule der Künste und das Quietschen der Sneakers signalisiert schnelles Näherkommen. Atemlos huscht die kleine Studententruppe ins obere Stockwerk. Drei Youngsters tragen Guy Fawkes-Masken. Eine mit Kopfband nach vorne. Ihr markant geformtes Gesicht, ungeschminkt schön. „Ich werde an Dich denken, wenn ich alles andere vergessen habe – remember the Fifth of November Gunpowder, treason and plot; I see no reason why gunpowder treason should ever be forgot.”
Sehen so junge Tänzer, Blogger, Hacker aus?
Die Türe zum Gang öffnet sich nochmals und einer der Anonymi spricht langsam, leise, fast unhörbar: „Du, Visual Storyteller – ich sag Dir, was wahr ist; Du kannst Dir Deine eigene Ansicht bilden. Und ich werde an Dich denken, wenn ich im Schatten bin.“ Das Türschloss klickt sanft, mit einem metallischen Ton, in die andere kaum sichtbare Welt.

The Bigger Sleep

Alles ist so verwoben. Nicht auf den ersten Blick. Das Komplexe entdeckst Du mit der Reife. Und es ist nicht zu spät. Der Fussabdruck vom immer wieder ersten Menschen – mit Stempelkissen für die glücklichsten Eltern; oder mit Mondstaub aus dem Meer der Stille? Vielleicht mit weiss gezackten Rändern, mit Kinderlachen im Poesiealbum. Dann hörst Du die sanfte, silbrige Stimme, passend zu ihrem dunklen Haar. Sie hatte schon als kleines Mädchen den so bösen Blick drauf. Und es war nicht die kratzige Wollmütze oder der quälende Sand im Schuh.
Alles so verflochten.
„Es hat mir nichts ausgemacht, wie sie mich nannte, wie mich jemand nannte. Aber in diesem Raum musste ich leben. Es war alles, was ich in der Art eines Zuhauses hatte. Darin war alles, was mir gehörte, das für mich eine Verbindung hatte, eine Vergangenheit, irgendetwas, das an die Stelle einer Familie trat. Nicht viel: ein paar Bücher, Bilder, Radio, Schachfiguren, alte Briefe, solche Sachen. Nichts. So wie sie waren, hatten sie alle meine Erinnerungen.“ (Raymond Chandler, im schillernden Beziehungsroman The Big Sleep.)
Und dann eine neue starke Stimme, die Performerin Sophie Jung, hier mit ihrem Werk The Bigger Sleep, einer spiegelnden Rauminstallation mit neuem Deutungshorizont. Surreale Skulpturen und lieblich-vertraute Objekte – „lost souls“. Viele Fragen nach Realität und Fiktion.
It’s not what it lookes like. Auch die getigerte Main Coon ist vielleicht eine schwarze Scottish Fold.
Und – die kleine Schuhnummer 22, wieder ein grosser Schritt für die Menschheit. Verbundenheit ist das Schlüsselwort in Sophie’s Welt – aufgewacht aus dem tiefen Schlaf.

Die Maiden

Die Mägde Catharina und Maria sterben jung. Mit nur 20 und 28 Jahren. Doch was ist mit dem Kind der noch ledigen Mutter Maria geschehen?
Wir schreiben das Jahr 1895. Das Vergangene, das Dunkel ist nicht leer. 300 Jahre später; Informationen im Wartezustand. 30 heimlich besprochene Audiokassetten zeugen vom Leid und Schicksal der Magd. Die Frau als Eigentum und Dienerin. Die Fruchtbarkeit der Menschen ist dramatisch zurückgegangen. Mägde sorgen für den Nachwuchs der Oberschichten. Kaltes Schaudern überzieht mich beim Gedanken an die Science Fiction Szenen aus „Die Geschichte der Dienerin“ von Margaret Atwood. “Der Report der Magd” (Original – The Handmaid’s Tale), ein dystopischer Roman; das Porträt eines totalitären Männerregimes. Wir schreiben das Jahr 2195.
Das wahrlich Erschreckende an Atwood’s Fiktion – die negative Utopie, sie scheint in religiös autoritären Gesellschaften wahrlich keine Fiktion zu sein. Nicht nur dort. Ist der Mensch in einer Zeitschleife gefangen?

Im Urlicht

Ein Haus am Ende der Strasse, auf einer Bergkuppe – im freien Land. Die Aussicht, berauschend. Die Sonne blendend. Ruffreudige Dohlen schweben vorbei – kunstvoll nutzen sie heftige Turbulenzen – schwirren aus dem Blick, scheinbar bis zu den Cirren hoch. Fern schwingt klassische Musik im Wind. Eine Symphonie. Die warme, tiefe Frauenstimme, eine Contra-Alto, trägt mich näher zum ungeschminkten Gebäude hin.
Ich erkenne das Orchesterwerk – Mahlers Zweite Symphonie, Resurrection, die Auferstehung, und die bekannte Gesangs-Partie: Im Urlicht.
„…Es klingt alles wie aus einer anderen Welt herüber. Und – ich denke, der Wirkung wird sich niemand entziehen können. – Man wird mit Keulen zu Boden geschlagen und dann auf Engelsfittichen zu den höchsten Höhen gehoben…“ so Gustav Mahler in einem Brief 1895 über sein sehnsuchtsvolles forderndes Werk.
Mahler klingt nach Bildmusik und inspiriert. Das Zeitbewusstsein ist plötzlich weg. Das Traurig-Schöne im Chores-Sang widerspiegelt die tägliche Wirklichkeit: Begierde, Liebe, Wut, Chaos, verdrängte Sucht – bis hin zum geordneten Vergeben. Der Ego-Rhythmus ist sehr stabil. Menschliches, Allzumenschliches. Nietzsche und Mahler – sie sind weit mehr als nur Zeitgenossen.
Bleibt zum Träumen noch Raum? Ich nehm ihn mir. Mit der Kamera.
Mein Vesper-Glas bleibt leergetrunken. Die sphärischen Chorstimmen sind verstummt und die Fensterflügel verriegelt.
Bald ist Winterzeit. Die Blumen schon ausgetrocknet.
Ich werde auf eine weite Reise gehen.

Berggasse 19

Eine Zugehfrau wischt mit einem feuchten Tuch Wollmäuse von den Treppen zum ersten Stock. Nachboten vom Vortag. Sauber soll sie sein, die zum Museum umfunktionierte frühere Ordination und Wohnung von Professor Sigmund Freud in Wien. Die Tür zur Eingangskasse nur angelehnt. Ein junger Mann in dunkler Hose, weissem Hemd mit Fliege und fast zu perfekt – mit John Lennon-Brille. Ein junger Sigmund. Sonst keine Menschenseele, hier frühmorgens im Haus, wo jahrzehntelang bis 1938 hunderte von Seelen psychoanalytisch fürs andere Leben ausgelotet wurden.
In liebevollem Wienerisch meint der junge Mann: „Das Museum öffnet erst um zehn, bitte“. Wenn ich ihn so reden höre denke ich an Franz Huchel, den Protagonisten in Seethalers Roman „Der Trafikant“ – die Geschichte des jungen Franz, seiner Liebe zu Anezka und seine Freundschaft mit Sigmund Freud im Wien der Dreissigerjahre. Nun tauche ich ein in das frühere Leben, rieche den würzigen Tabak und höre das Knistern von Freuds Zigarre.
„…Nachdem der Professor im Haus verschwunden war, legte Franz sein Ohr an die Tür und schloss die Augen. Das Holz war immer noch sonnenwarm, und drinnen verhallten Freuds Schritte im Stiegenhaus…“

Kassel

Der Weg durch die leeren Hallen gehört zum Programm. Doch drüben – nur verschlossene Wände. „Wo ist der Ausgang?“ Sie hielt mich wohl für einen Security-Man (meiner spiegelnden Ray Ban sei‘s geschuldet). Ich sagte, „sorry, ich arbeite nicht hier, ich bin wie Sie nur…“, und ich sah in ihren Augen erst Staunen, dann zögerlich ein Verstehen. Die Schiebe-Türen, wie Tiefkühltore, sind nur schwer zu bewegen. Vielleicht ist’s die Männerkraft, die Kommunikation provoziert. Die Kunststudentin besucht die dOCUMENTA zum ersten mal, wie sie mir später im Café, unweit der früheren Lagerhallen zu verstehen gibt.
Der Guide mahnt die Besuchergruppe zum Aufbruch und Aurelié fragt mich am Ärmel zupfend: „Wer ist denn diese junge Frau, eine Studentin, eine Bekannte von Dir?“ „Nein, meine Heldin, nur eine Motte in meinem lichten Leben. Ich hab ihr von Dir erzählt und sie ist weiter geflogen.“
Aurelié meint später, sie sei gerne mein Motten-Vertilgung-Mittel. Dies ist nur Tage her.

Memento Mori

Hat Brantly Bright vom Ballett-Tanz- ins Schauspielfach gewechselt? Nach Jahren begegne ich der früheren Primaballerina in der Medienmatrix – ein Bild von ihr. Ein Filmstill? Brantly, aus Corpus Christi, sitzend vor einem Mikrophon auf einer Art Tribüne. Ist es ein Altar, ein Predigersitz, eine Kanzel? Das dunkle Holz vermittelt kühle Strenge.
Die Geschichte dieses Bildes birgt unendliche Trauer. Brantly ringt im Gerichtsaal um den sinnlosen Unfall-Tod, das verlorene Leben ihrer jungen Tochter Elena.
Ein alkoholisierter Raser ist des Mordes angeklagt. Elena wird im September 2009 in der Wait Chapel, Wake Forest University, North Carolina, zu Grabe getragen.
Das berührende Bild aus der Medienwelt holt mich nun – Jahre später wie ein Blitzschlag ein.
Die Kanzel, das Mikrophon, der steril-kühle Raum wie eine Fiktion – träume ich oder erinnere ich mich an einen Traum?
Doch beide Räume sind Wirklichkeit des Memento Mori.
Auch hier, in der Ersten Kirche Christi, am Picassoplatz geht’s um das Sterben. Der deutsche Photokünstler Thomas Struth, begleitet Forscher der Veterinärmedizin bei Studien zur Artenvielfalt. Sein jüngstes Werk Animals beleuchtet Tierwesen, nach dem Moment ihres natürlichen Vergehens. Das Projekt in der ehemaligen, von Otto Rudolf Salvisberg (1882-1940) erbauten Kirche, ist Teil eines öffentlichen Parcours während der Art Basel. Struths Sujets erscheinen im weiten Raum wie aufgehoben zwischen Leben und Tod. Ein Auferstehen in ihrer eigenen Schönheit. In Würde und Schärfe mahnen die Tierwesen an die Vergänglichkeit des Lebens. An den unendlichen Schlaf. Elena.

Wo bist Du?

Der Regionalzug rattert in den nahen Sommer. Eine zerquetschte Motte klebt noch im Lesestoff. Dünnseitig, gerade passend für eine Vier-Stundenfahrt. Zeilen voller Sehnsucht – über die Frau, die berühren möchte, um nicht vermisst zu sein. Über den Mann, der den Tumor besiegen will, rasend vor Wut, Verpasstes versäumt zu haben. Den Körper wieder fordert bis zum Runners-High. Nochmals Starten zum neuen Leben. Sich endlich spüren. Ehrlich Sein. Nochmals versuchen. Die Frau, der Mann – werden sie’s schaffen, die Reise zum Glück?
Das schmale Buch voller Schicksale besser zur Seite legen. Eigene Gedanken finden, inspirieren lassen – auf den Schienen zum weiten Ziel. Schnelle Bilder, verschwommene Farben. Aquarelle zur Meditation. Leben im Jetzt.
Der Duft von Molecule 01 liegt in der Luft – verdrängt den rostenden Eisengeruch. Sie huscht vorbei, die junge Frau mit Dutt, im prallen Dirndl. Oder ist es der alternde Geck, der das Zugabteil kurz zum Genuss beduftet?
Wieder dem Fenster zuwenden. Bilder erjagen. Bis nach Bavaria. Glückliche Tage. Morgen wieder Zurückfahren, dem Bodensee entlang. Gedankenverloren Bilder finden. An mich denken. Und an Dich. Wo bist Du?

Salander

Die Charakterfigur und Heldin Lisbeth Salander, in Stieg Larsons weltbekannter Trilogie Millennium, verleiht der skandinavischen Skandal-Story Gänsehaut.
Es geht um Familiendramen, Korruption, Prostitution, Rufmord, Spionage, grosse Verschwörung. Und immer wieder um Gewalt gegen Frauen. Dabei wird nichts geschönt.
In der Millenium-Trilogie Verblendung, Verdammnis, Vergebung spielt Noomi Rapace die Protagonistin Salander. Die zierliche, unberechenbare, hochintelligente junge Frau steht unter zweifelhafter Vormundschaft. Sie ist fabelhafte Hackerin und besitzt ein photografisches Gedächtnis – trägt Tattoos und Piercings, schminkt sich schwarz, kleidet sich auffällig. Ein Freak.
Viele Geheimnisse umgeben sie, ihre Andersartigkeit wirkt faszinierend. Salander kämpft – wie so viele Menschen – um Gerechtigkeit.
Das Photo-Projekt, inspiriert von Lisbeth Salander, ist für Räume einer Jugend-Anwaltskanzlei bestimmt.
Metapher der Auftragsarbeit: „Die Falschheiten, Demütigungen und Verletzungen, die im menschlichen Angstraum eine tiefschwarze Tonalität auferlegen, sollen bildlicher Ästhetik begegnen“.
Ist das Böse wohl nur ein Webfehler der menschlichen Struktur?

A. J. Quinnell

Der Weg zu seinem Haus auf der Anhöhe von Kerċem ist nur mit Guide zu finden. A. J. Quinnell, der Thriller-Autor, lebt zurückgezogen; fern der Jetset-Welt. Für seine Arbeit sucht der Erfolgs-Autor in der faszinierend kargen Landschaft auf Gozo die Ruhe, das Alleinsein. Sein altes Anwesen ist aus massivem Stein gebaut. Eine Schutzhülle, ein Kokon zur Mystery-Welt?
A. J. Quinnell – ein Pseudonym. Die Bücher des Autors erreichen Millionenauflagen und sind in die wichtigsten Sprachen der Welt übersetzt. Die Romane – packend, raffiniert erzählt. Die Recherchen, undercover, ausnahmslos punktgenau. Miterlebt, den Geruch der Angst. Kriege, Geheimdienste, Killer-Kommandos. Quinnell kennt das Blut des verwundeten Soldaten, den Schock, seine Liebste zu verlieren. Am weissfahlen, kalten Körper zu trauern. Schmerzen, Wut, endlose Zeiten. Dann das Vergeben, Hoffen. Die Neugeburt. Wenn er schreibt, spricht seine Seele. Nacht ist der Tag.
Anfang der 90er, in Mgarr, Gleneagles Bar – ein erstes Treffen mit Quinnell. Viele Gespräche über sein Leben, die Kunst des Schreibens – Diskurse, Buchkritiken bei Wein und lukullisch-gozitanischer Küche binden eine lange Freundschaft. Ein doppelseitiges Porträt in einem Schweizer Print-Magazin amüsiert den sonst so Medienscheunen.
2004 wird einer seiner Bestseller, der Roman „Man on fire“ (dt. Der Söldner/Mann unter Feuer) mit Denzel Washington, Mickey Rourke und Christopher Walken verfilmt. Spannend. Nichts für schwache Nerven.
Die bezaubernde Insel Gozo wird letzte Heimat des in Nuneaton (GB) geborenen Bestseller-Autors. Philip Nicholson – so sein bürgerlicher Name – verstirbt dort 2005 erst 65-jährig. Nicht nur die Landschaft bleibt.

Du siehst mich nicht

Ich bin eine Maine Coon. Du kannst mich nicht sehen, so tief im Gebüsch. Musst viele Augen haben, vielleicht dann – vielleicht dann, irgendwann, wenn ich mich räkle erspähst Du mich. Mit der Zeit.
Dein Pech – ich bin schwarz wie die Nacht. Musst viele Ohren haben, um mein Schnurren zu hören. Doch meinen Namen, den verrate ich Dir nicht. Er hat keine Bedeutung für Dich.
Du musst viele Nasen haben, um mich zu erschnuppern – wenn Du Glück hast riechst Du den Blütenzauber, vielleicht den moorigen Boden. Bücke Dich nur hin. Ich fühle mich wohl, so im Hortensien- und Oleandergarten. Er spendet mir Vertrauen und viel Sommerfrische.
Nur nachts, da bin ich weg. Du kannst mich nicht erblicken. Und dann ist es zu dunkel für Dich den Garten zu sehen.
Doch ich schenke Dir die flüchtigen bezaubernden Blüten, damit Du weisst, wo ich nicht war.

Shooting Atmosphere

Du kennst das. Du denkst, da wird nie was draus. Wie soll ich die Schönheit denn ins Tageslicht ziehen? Sie ist so bescheiden, bewundernswert blass. So ruhig. Zu sehr. Da wird nichts draus. Hinsetzen. Auf Inspiration hoffen.
Palaver über den Alltag. Mode, Marketing, Design. Smalltalk, über Männer mit klarblauen Augen und pechschwarzem Haupthaar. Die Handtaschen-Sucht, für Weiber so typisch, die Zara-Modelabel, klar für Studies. Die Sehnsucht nach Chillen am Fluss. Im Hintergrund Deep House Music, Feeling Happy – Best Of Vocal.
Neu starten. Über Sensibilität, die vielen Gesichter der Verletzlichkeit reden.
Auch über das Sich-Hinsetzen, im Reinen sein – das blütenweisse Papier und den Kohlestift vor sich, fürs Schaffen ausdruckstarker Porträts. Schwarz-Weiss.
Die Atmosphäre fürs Shooting ist perfekt. Wie von Zauberhand.
Erst unterschätzte Gesichter, dann Erkennen für einen ganzen Tag. Verwandlungskunst in Wirklichkeit.
Jeder kann die Bilder mit Dingen füllen, die er sehen aber nicht berühren kann. Leandra, in faszinierenden Anblicken. Erst scheue Eva, dann stolzes Model. Oder dann mit Amy Winehouse-Blick – in “we only said goodby by words.” Alles vergeht. So auch die Stunden des Naheseins.
Das Heute ist schon Erinnerung.

Reflexion

Glasarchitektur ist zeitlos elegant. Schön anzusehen. Die Fassaden bestimmen seit Jahren schon Stadtbilder und Parkanlagen.
Glas bietet Transparenz. Ein Zeitgefühl. Licht einlassen, Blickbeziehung aufbauen, Nachbarschaft spiegeln und en passant sich reflexieren… „ich bin heute wirklich gut anzuschauen, Frisur sitzt …“ oder so.
Der Siegeszug des Glases hat mit Optik und der technischen Entwicklung zu tun. Glas besitzt heute hohe Wärme-Dämmwerte – höher als eine Steinwand vor hundert Jahren. Und – die Sicherheitsgläser splittern nicht, selbst wenn jemand in die Fassade stürzt.
Flanieren in der City. Eine andere Wirklichkeit. Sehen lernen. Die Art der Wahrnehmung der Welt neu entdecken. Eingefahrene Sicht- und Verhaltensweisen abbauen. Sich sehen und auch das, was hinter einem ist. Der Blick in die scheinbare Gegenwelt. Wo bleibt das, was wir Wirklichkeit nennen? Nicht nur in Märchen hat der Spiegel magische Eigenschaften – schau Dich um!

Ginko Gefallen

Im Herbst des Lebens fallen die Blätter. Die genialen Formen des Ginkgos – fächerförmig, oft tief geteilt – verführen zum Hinsehen und Sammeln.
Sie sind nicht nur in Japan oder China beliebte wundersame Lesezeichen – denn für fast alle Insekten mehr oder weniger toxisch – schützen sie Bücher vor Silberfischen und Insektenlarven. Die Blätter, pharmazeutisch genutzt, enthalten Flavonoide. Ginko-Extrakte nutzt die Phytopharmaka; die Arznei hilft bei Gedächtnisstörung…
2000 wurde der Ginko als Mahnmal für Umweltschutz und Frieden zum Baum des Jahrtausends.
Die ältesten Exemplare mit über 40 Metern Wuchshöhe sind über 1000 Jahre alt. Seiner essbaren Samen wegen ist er in Ostasien behütet und geschätzt.
Seefahrer konnten seiner sagenhaften Schönheit nicht widerstehen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird er in Europa als Zierbaum in Parkanlagen und privaten Gärten gepflanzt. Der Blattform wegen sind Bezeichnungen wie Elephantenohr-, Entenfuss- oder Fächerblattbaum zu finden.
Die wundervollen Blätter – sie gefallen auch gefallen.

Lebensraum Moor

Traumlandschaft. Sanft, wolkenweich. Sich nun hinlegen, einfach nur ausspannen, meditieren.
Der Duft der Moose, erdig, herb. Wellness pur – kostenlos in der Natur. Beim Wandern, fern ab der Hektik der Stadt, sich neu entdecken. Loslassen. Nicht erreichbar, nur für sich alleine sein. No Phone, no Tablet. Digital Detox. Keine Auflagen, keine Vorschriften.
Neuer Genuss. Einatmen. Ausatmen. Den Herzschlag spüren.
Ein Rotmilan kreist unweit über den nahen Fichtenwald. Sein Ruf ist langgezogen, wellenförmig und hört sich klagend an. Keine Zeit für Trauer nun. Keine Tristesse. Einatmen, ausatmen. Natur, Glück, Seligkeit tanken. Sich Sein.
Erst in der Nacht, weiter wandern.

Landhaus Charme

Sie sind meist über 100 Jahre alt. Die Gemäuer, meterdick Natursteinfest. Tonziegel und Eichenbalken schützen wie Schuppen, tragen wie Dinosaurier-Skelette.
Die Innen- wie Aussenräume strahlen leises Verträum-Sein. Der Schritt nach Draussen, wie ein Schritt in den Garten Eden. In der Scheune nebenan wohnen wohl auch Feen. Und Nachts toben sich ab und an geräuschvoll liebestolle Marder aus.
An heissen Tagen ist’s die Brise der Sommerfrische, im Winter, das offene wärmende Kamin – in dieser Romantik heisst arbeiten Leben. Wer wohnt hier?
Bob Dylan löst’s blechern-singend aus dem iPad vom Nebenraum: „She’s got everything she needs, She’s an artist, she don’t look back…“. Das idyllische Bauernhaus lockert zum Kreativ Sein.
Am Türpfosten hängt das übergrosse Kunstmalerinnen-Hemd. Ralph Lauren – noch fleckenlos.
In der Weite des Landes – aus der Enge der Stadt.

Niemandsland

„Fly yellow bee, fly – follow me, yellow bee, fly.“ Die kleine Anna freut sich auf die Reise von Wien nach London. „Granny“ erwartet Mamma und Enkelin in Gatwick.
Im Ringeltanz verträumt, singend glücklich, was bald folgen mag. Vielleicht ein neuer Teddybär von Oma? Frohlockende, befreiende Szenen sind am Ort des Abschieds eher selten auszumachen. Der Flughafen, Bahnhof, die U-Bahn – Bilder, Situationen vor dem Weggehen und dem Ankommen. Die Zeit dazwischen.
Sie hat oft mit Warten zu tun. Zeitlos wird die Zeit verlebt. Melancholie hängt in der Luft. Kurzes Einsam sein. Und kaum ist die Zeit herum, ist das Warten wie vergessen. „Terra Nullius“, das Gebiet zwischen den Kontrollstellen. Wer liebt dies schon? Es sind Momente des Gehens und des Kommens. Erleben wie Anna – so oder so – einfach befreit.

Himmelwasser

Löschweiher, Löschteiche („Feuerseen“), stammen aus mittelalterlicher Zeit. Da gab es noch keine zentrale Wasserversorgung.
Quell- oder Regenwasser (Himmelwasser) wurde meist in Siedlungen, im Ortskern bei Dorfbrunnen gespeichert. Mit einer Eimerkette, später mit Pumpen, konnten die Mannen der Feuerwehr das Wasser einfach vor Ort nutzen.
Das Reinehalten des Wassers ist wichtig – gegen Verschlammen hilft oft nur das periodische Reinigen. Fische sind gern gesehene Helfer.
Der gespiegelte “Feuer-Teich”, im frühmittelalterlichen Weinbergdorf im Markgrafenland, wird heute noch von Röhrenbrunnen-Quellwasser gespeist.

Monsignore mag dieses Bild

“Oh, dieser Himmel – so farbenfroh“. Die attraktive Wienerin Aurelia vom Tourismus-Office ist immer wieder aufs Neue entzückt.
Fast fassungsloses Staunen. Bis der Nacken schmerzt. „Monsignore mag diese Bild bestimmt – eine symbolische Himmelsleiter“. Die Besuchergruppe aus der Schweiz nickt hingebungsvoll.
Einfinden, nicht nur zur stillen Andacht und Meditation – nein, hunderte von Touristen bevölkern täglich die römisch-katholische Karlskirche im Wiener Bezirk Wieden. Der sakral barocke Bau zählt zu den bedeutendsten Wahrzeichen der Donaustadt. Die Fresken in der Kuppel sind mühelos über einen Panorama-Aufzug von Nahe zu bewundern. Der ursprünglich nur zu Renovationszwecken aufgebaute Lift dient heute den Kirchenoberen als lukrative Einnahmequelle.
Die Monsignori in Rom wird dies sicherlich freuen.

Andere Stimmen, andere Räume

Lautes Gelächter, vielmehr ein stakkato-artiges Gekicher hallt von oben aus dem “Zimmer der Witwen” (so der etwas skurrile Name). Im Saal unten, das Vorbereiten für ein grosses Fest.
Eine reiche Familie aus Florenz führt morgen ihren Sohn vor den Traualtar. Die attraktive künftige Schwiegertochter ist in einer Bauernfamilie nahe Artiminio gross geworden. Die junge Anwältin Antonella wird ihren Ermenegildo „il mio uomo“ nennen.
Die im 16. Jahrhundert erbaute Villa Medici ist vom ehemalig ruralen Jagdsitz zum beliebten Ort für feierliche Veranstaltungen – vor allem Hochzeiten mutiert. Jagd nun so oder so beendet. Der noch dunkle Saal wird bald erhellt zum Tanze rufen. Bis dann sind Polanskis Vampire sicherlich verjagt.