Ort ohne Namen

Zwischen schwarzem Stein und weissem Licht wächst die Stille.
Eine Landschaft, vulkanisch, mondgleich, von der Zeit gezeichnet. Hier endet das Geräusch der Welt.
Die Felsen scheinen zu atmen, uralt und gleichgültig.
Ein Haus schmiegt sich an den Stein, als suche es Schutz.
Sicherheit liegt nicht in Mauern, sondern im Schweigen.
Wer hierher kommt, zieht sich nicht nur zurück — er verschwindet.
Die Leere trägt einen eigenen Rhythmus – Kaktus, Wind, Schatten – das genügt.
Und irgendwo, hinter dem Fels, beginnt der Gedanke neu.

Höhenmut

In der majestätischen Alpenwelt schwebt eine Stahlkonstruktion der Luftseilbahn zwischen Himmel und Erde – Sinnbild menschlicher Ambitionen und Überwindung. Eine junge Frau steht verdeckt am Rand der Plattform, den Blick fest auf die schneebedeckten Gipfel gerichtet. Matterhorn, Alpine Crossing.
Ihr Herz pocht im Takt der metallischen Seilbahn, während ihre Gedanken gegen die Wolken kämpfen. „Glaube an dich“, flüstert der Wind, „du bist stärker als du denkst“.
In der stillen Umarmung der Berge findet sie den Mut, sich den Höhen und Tiefen des Lebens zu stellen.
Hier, hoch oben, lernt sie die Kunst des Bestehens – Vertrauen, Mut und die Freiheit, die Wahrheit zu leben.

Tarantula Cyriopagopus

Gewiss, sie sind gefragt, eine wahre Delikatesse. In den Wet Markets von Kambodscha trifft man zahlreiche Gourmets, die sich an frittierten Köstlichkeiten ergötzen. Die steigende Beliebtheit dieser kulinarischen Freuden fordert jedoch einen hohen Tribut – der groteske Artenschwund bedroht die Tarantulae in ihrer Existenz.
Inmitten dieses Szenarios setzt eine junge Wissenschaftlerin aus Wien* ihre Entschlossenheit ein, die bedrohte Spezies zu erforschen. Mithilfe von Feldforschung, DNA-Barcoding und Nanotechnologie gewinnt sie wertvolle Informationen über diese einzigartigen Kreaturen. Ihre Bemühungen tragen dazu bei, das Überleben der faszinierenden Vogelspinnenart Cyriopagopus zu sichern.
Möglicherweise wird die Zukunft die Delikatessen-Esser dazu bewegen, ihre Mägen in Vegan-Grill-Shops zu füllen, wo sie gleichzeitig die Umwelt und die Tierwelt schützen können.
[*Antonia Mandl, Universität Wien, Department of Evolutionary Biology]

Das Zehntagebuch

An diesem nebligen Morgen blättere ich mit Blick in den Olivengarten in Boccaccios Das Decameron. Die Stimmen des Pfarrers aus Varlongo im Diskurs mit Belcolore über den Wert seines Mantels aus niederländischem Tuche werden durch den WhatsApp Anruf von Schwester Ingeborg unterbrochen. Sie fährt für drei Tage in ihre Freiheit.
Die Frage wie es mir im Welteninnenraum der neuen geopolitischen Rivalitäten gehe, wage ich kaum zu beantworten.
«Vielleicht ein Befinden zwischen Stagnation und Leere? Oder bin ich nur der Inspizient in diesem Theaterstück der Anweisung gibt: „…die Sonne scheint, der Nebel schwindet…“?»
Womit ich nicht gerechnet habe ist ihr herzhaftes Lachen. «Das Zehn-Tage-Werk Decameron? Die Novellen über Liebe, Macht, Verrat, Lust, Verlust? Gratuliere; Weltliteratur! Das seitenstarke Buch zur richtigen Zeit im geschützten Habitat.»
Schwester Ingeborg [Hüterin, Beschützerin] ist Nickname. Wer wird schon in dieser verordneten neuen Welt seine vertraute Liebe verraten.

Der Uaso Nyiro

Nun liegt er vor mir, der Uaso Nyiro. Das letzte Mal habe ich ihn über Kenia gesehen, beim Flug von Tansania nach Europa. Vom Sitz A14 (der eigentlich in der 13ten Reihe steht) auf die Erde schauen – in der wohlig klimatisierten Swissair Tube.
Emerson Lake and Palmer – die AirPods sind im Transparenzmodus, damit ich die gepressten Stimmen aus dem Cockpit nicht verpasse… («unter uns, das Flussdelta des Uaso Nyiro…»).
Gedankenversunken schwebe ich über dem CD-Cover von Brain Salad Surgery hin zu HR. Giger, zu den Airprush Erotomechaniks, den Alians und Biomechanoiden. Seine phantastisch-surrealen Werke – die visuellen Effekte sind geniale Meilensteine der neuen Kulturwelt.
Nun liegt er wieder vor mir, der Uaso Nyiro – im Weinbergdorf, gefallen vom Sturmtief vor wenigen Tagen.
Die armdicken Efeu-Äste, am Stamm klammernd und festgesaugt, werden im Winter mit dem stattlichen Kirschbaum Wohnstuben wärmen.
Ich bin mir heute nicht sicher, war’s zuerst der monochrone Musik-Rhythmus, das iPod-Coverbild-Bild oder der A 14-Sitz-Ausblick in der 13ten Reihe, der mich glücklich inspirierte?

Die Seltsame

Die Hinreise mit dem Fährboot ist geräuschlos – wie über den Fluss Lethe still von Charon begleitet. Noch bevor die 132 Stufen zur Kathedrale erreicht, irritiert im Schattengestrüpp eine fremdartige Figur die Weiterreise ins helle Tageslicht.
Eine Menschengestalt von Bienenwaben behauptet. Die Waben sind Maske. Wer sucht, erfährt: Der Schwarm Buckfast-Bienen ist resistent gegen die tödliche Gefahr – die gefürchtete Tracheenmilbe.
Pierre Huyghes Arbeit Exomind (Parcours Art | Basel, Pfalz, Rheinufer, 17) liegt zwischen der Kontinuität lebender miteinander verbundener Systeme und der Trennung.
Was, wenn Schnittstellen zu Wunden werden, das Gefüge Mensch, Tier und Umwelt aus dem Gleichgewicht gerät?
Eine berührende Zeit.

Der Stammbaum

Zurück, zur Genealogie, in die Zeit der Ahnen.
„…Ist Er vergeben?“ Die erste Frage des Gutsbesitzers und Edelmannes irritiert den Herren, den Gast aus dem anderen fernen Land. Nach kurzem Schweigen, erwidert der noch Fremde – “Er ist edler Mensch nur, seine Vorfahren kennt Er nicht. (Stille Pause)
Er ist Waise. Eines flanierenden Ritters Kuckuckskind? Weise vielleicht, doch sicher einer der vielen Bewunderer Eurer Tochter Augenweide. Gerne besuchet Er Haus und Garten, so Er Ihn denn eintreten lässt…“
Im Jetzt angekommen. Der fabelartige Stammbaum, vorne in der Schloss-Parkanlage, ist einige hundert Jahre alt. Der hintere sagenhafte, nur wenig jünger. Auch Er besitzt tiefe Wurzeln. Erkennen, berühren sie sich im Heute, irgendwann?

Im Urlicht

Ein Haus am Ende der Strasse, auf einer Bergkuppe – im freien Land. Die Aussicht, berauschend. Die Sonne blendend. Ruffreudige Dohlen schweben vorbei – kunstvoll nutzen sie heftige Turbulenzen – schwirren aus dem Blick, scheinbar bis zu den Cirren hoch. Fern schwingt klassische Musik im Wind. Eine Symphonie. Die warme, tiefe Frauenstimme, eine Contra-Alto, trägt mich näher zum ungeschminkten Gebäude hin.
Ich erkenne das Orchesterwerk – Mahlers Zweite Symphonie, Resurrection, die Auferstehung, und die bekannte Gesangs-Partie: Im Urlicht.
„…Es klingt alles wie aus einer anderen Welt herüber. Und – ich denke, der Wirkung wird sich niemand entziehen können. – Man wird mit Keulen zu Boden geschlagen und dann auf Engelsfittichen zu den höchsten Höhen gehoben…“ so Gustav Mahler in einem Brief 1895 über sein sehnsuchtsvolles forderndes Werk.
Mahler klingt nach Bildmusik und inspiriert. Das Zeitbewusstsein ist plötzlich weg. Das Traurig-Schöne im Chores-Sang widerspiegelt die tägliche Wirklichkeit: Begierde, Liebe, Wut, Chaos, verdrängte Sucht – bis hin zum geordneten Vergeben. Der Ego-Rhythmus ist sehr stabil. Menschliches, Allzumenschliches. Nietzsche und Mahler – sie sind weit mehr als nur Zeitgenossen.
Bleibt zum Träumen noch Raum? Ich nehm ihn mir. Mit der Kamera.
Mein Vesper-Glas bleibt leergetrunken. Die sphärischen Chorstimmen sind verstummt und die Fensterflügel verriegelt.
Bald ist Winterzeit. Die Blumen schon ausgetrocknet.
Ich werde auf eine weite Reise gehen.

Himmelwasser

Löschweiher, Löschteiche („Feuerseen“), stammen aus mittelalterlicher Zeit. Da gab es noch keine zentrale Wasserversorgung.
Quell- oder Regenwasser (Himmelwasser) wurde meist in Siedlungen, im Ortskern bei Dorfbrunnen gespeichert. Mit einer Eimerkette, später mit Pumpen, konnten die Mannen der Feuerwehr das Wasser einfach vor Ort nutzen.
Das Reinehalten des Wassers ist wichtig – gegen Verschlammen hilft oft nur das periodische Reinigen. Fische sind gern gesehene Helfer.
Der gespiegelte „Feuer-Teich“, im frühmittelalterlichen Weinbergdorf im Markgrafenland, wird heute noch von Röhrenbrunnen-Quellwasser gespeist.