Das Zehntagebuch

An diesem nebligen Februarmorgen blättere ich mit Blick in den Olivengarten in Boccaccios Das Decameron. Die Stimmen des Pfarrers aus Varlongo im Diskurs mit Belcolore (Seite 613) über den Wert seines Mantels aus niederländischem Tuche (sieben Lire?) werden durch den WhatsApp Anruf von Schwester Ingeborg unterbrochen. Sie fährt für drei Tage in ihre Freiheit.
Die Frage wie es mir im neuen nun zwei Jahre dauernden Welteninnenraum gehe, wage ich kaum zu beantworten.
«Vielleicht ein Befinden zwischen Stagnation und Leere? Oder bin ich nur der Inspizient in diesem Theaterstück der Anweisung gibt: “…die Sonne scheint, der Nebel schwindet…”?»
Womit ich nicht gerechnet habe ist ihr herzhaftes Lachen. «Das Zehn-Tage-Werk Decameron? Die Novellen über Liebe, Kontrolle, Verrat, Lust, Verlust? Gratuliere; Weltliteratur! Das 900 Seiten Buch zur richtigen Zeit im verhüllten Habitat.»
Schwester Ingeborg [Hüterin, Beschützerin] ist ein Nickname. Wer wird schon in dieser verordneten neuen Welt seine vertraute Liebe verraten.

© Philipp Senn